HELMUT GRILL

 

*1965 Salzburg 

Ausstellung "TERRAVERSUM", 2025
Ausstellung "TERRAVERSUM", 2025
Ausstellung "TERRAVERSUM", 2025
Ausstellung "TERRAVERSUM", 2025
Ausstellung "TERRAVERSUM", 2025
Ausstellung "TERRAVERSUM", 2025


Helmut Grill – Do you believe in reality?
In einer Zeit, in der Google unser Nachdenken ersetzt und Wikipedia unser Gedächtnis, wir unseren Verstand sukzessive outsourcen, und uns freiwillig und völlig willentlich in eine selbstverschuldete Unmündigkeit begeben, führt der erste Weg, einen Künstler kennenzulernen, nicht mehr in die Galerie oder in die Bibliothek, sondern ins Internet. Und wenn wir dementsprechend die Website von Helmut Grill aufrufen, steht in fetten Lettern programmatisch neben seinem Namen geschrieben: reality is irrelevant.

Was ist Realität?
Der erste Impuls beim Lesen dieser Aussage ist unweigerlich einer des Widerspruchs. Die halbe abendländische Philosophie beruht auf dem Erkenntnisgewinn aus der Wahrnehmung und der Reflexion von Wirklichkeit. Um der Behauptung auf den Grund gehen zu können, warum Realität irrelevant sein soll, und zu klären, warum diese Aussage für Grill so bedeutsam ist, dass er sie gleichwertig neben seinen Namen stellt, muss zuerst geklärt werden, was wir eigentlich unter Realität verstehen. Was heißt Wirklichkeit, was ist real?
Das, was wir gemeinhin für Realität halten, ist im Wesentlichen nur eine Interpretation des Gehirns. Wir vertrauen unseren Sinnesorganen und halten unsere Wahrnehmung der um uns befindlichen Welt schon für eine objektive Wirklichkeit. „Objektivität ist die Wahnvorstellung, dass Beobachtungen ohne Beobachter gemacht werden können,“¹ schrieb schon der österreichische Physiker Heinz von Foerster. Wir gehen an die vermeintlich „da draußen“ liegende Wirklichkeit immer mit gewissen Grundannahmen heran, die wir für bereits feststehende „objektive“ Aspekte der Wirklichkeit halten, während sie nur die Folgen der Art und Weise sind, in der wir nach der Wirklichkeit suchen. Was wir daher für real halten, hängt stark von unserer persönlichen Deutung ab, von unserem Wissen, unseren Erfahrungen und natürlich den kulturellen Prägungen unserer Wahrnehmung. Sehen heißt konstruieren! Wird Realität also nicht nur relativiert, sondern gar schon irrelevant, weil jeder sich seine eigene Wirklichkeit schafft?
Was ist mit den Grundfesten unseres Wissens, den Fakten und Tatsachen, die unsere Erkenntnisse, unsere Werte und unsere Gesellschaft konstituieren? Es galt lange als selbstverständlich, dass sie wie Zellen, Atome oder Quarks einfach „da draußen“ existieren und nur von den Wissenschaftlern entdeckt werden müssten. Der französische Philosoph Bruno Latour hat mit seinen Büchern in den 1970er- und 1980er Jahren jedoch aufgezeigt, dass wissenschaftliche Fakten im Wesentlichen Produkte der jeweiligen wissenschaftlichen Fragestellungen und Forschungen sind, Ergebnisse von selektiven Prozessen und Interpretationen, und er hat damit Zweifel an der Unumstößlichkeit der vermeintlichen Tatsachen gesät. Als enger Verbündeter der Wissenschaften, als der er sich sieht, war er jedoch kein Türöffner für den Einfall „alternativer Fakten“, sondern er hat aus einer Ethik der Verantwortung heraus dargelegt, dass keine noch so gesicherte Erkenntnis für sich selbst steht. „Tatsachen bleiben nur so lange unzweifelhaft, wie es eine gemeinsame Kultur gibt, die sie stützt, Institutionen, auf die sich bauen lässt, wie es eine einigermaßen anständige Öffentlichkeit, halbwegs vertrauenswürdige Medien gibt. ²“Diese gemeinsame Kultur einer anständigen und kritischen Öffentlichkeit scheint jedoch korrumpiert zu sein. Gewissenhafter Journalismus und integre Wissenschaft werden mit Begriffen wie „fake news“ oder „alternative facts“ desavouiert und denunziert. Fakten, Tatsachen, Wahrheiten spielen scheinbar keine Rolle mehr, sondern entscheidend ist, wer etwas am effektivsten als Realität verkaufen kann. Wir befinden uns auf dem besten Weg zu einer postfaktischen Gesellschaft, in der Tatsachen nicht mehr länger die Grundlage für politische Entscheidungen darstellen, sondern politisch opportune, aber faktisch irreführende Narrative als Basis für die politische Debatte, Meinungsbildung und Gesetzgebung dienen. Gesellschaftliche Wirklichkeit wird zunehmend dadurch determiniert, wer die Deutungshoheit in der Aufmerksamkeitsökonomie besitzt.
Mit dem rasanten Aufstieg von „alternativen Fakten“ ist klargeworden, dass es nicht vom Wahrheitsgrad oder der Richtigkeit einer Aussage oder eines Bildes abhängt, ob sie geglaubt werden oder nicht, sondern von den Bedingungen ihrer Konstruktion: wer hat sie erzeugt, wer wird adressiert und welche Institution verbreitet sie. Die Frage, die sich daher stellt, lautet: Glauben Sie an die Wirklichkeit?

Glauben Sie an die Realität?
Helmut Grill hat sich von Beginn an mit der fotografischen Bildmanipulation auseinandergesetzt. Im Auftrag der Werbung hat er über Jahre an der Konstruktion einer glatten Welt des Scheins mitgewirkt, die, befreit von jeglicher Negativität, keine Spuren der Manipulation aufweisen durfte. 1991 hat er dieser Welt den Rücken zugekehrt und sich den Spuren der Manipulation in der Konstruktion der Scheinwelt zugewandt. Grill sucht sich sein Bildmaterial aus dem World Wide Web, erweitert es um eigene Fotografien, und verschmilzt die Darstellungen zu einem Bild, das es so noch nicht gegeben hat, das uns aber trotzdem bekannt und vertraut vorkommt. Aus Wirklichkeitsausschnitten und -fragmenten schafft er eine neue Wirklichkeit, die überzeichnet und doch realistisch wirkt, künstlich und doch natürlich, konstruiert und doch abbildhaft. Es mag einen Berg geben, der sich in einem fernen Land in dieser Form erhebt, aber sicherlich nicht mit einem Markenlogo als Gipfelzeichen – noch nicht! Es mag einen Sakralraum geben, der aus solchen Architekturelementen zusammengesetzt ist, aber sich nicht mit einem Werk von Hermann Nitsch als Altarbild – noch nicht! Und es mag einen Nachbau der Klagemauer geben mit einem paradiesischen Garten auf der einen Seite, aber nicht in Disney World – noch nicht!
In seiner kritischen Auseinandersetzung mit unserer Zeit und in seinem analytischen Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen hat Grill die Fotografie, das So-wie, als Medium der Reflexion und die Möglichkeitsform, das Noch-nicht, als Art der Darstellung gewählt. Er schafft Fototableaus, die irritieren, vielleicht sogar verstören, uns in ihrer perfekten Hochglanzästhetik aber immer ihre Künstlichkeit offenbaren, ihre Konstruktion offenlegen. Die Arbeiten reflektieren in ihren scheinbar surrealen Juxtapositionen zudem unsere medialen Sehgewohnheiten. Ob man im Internet neben Schreckensmeldungen aus Kriegsgebieten Empfehlungen für exotische Urlaubsdestinationen findet, Reportagen von den Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie in Südostasien durch Werbung der neuen Sommermode konterkariert wird, oder man sich auf Instagram in einer Minute durch 100 Bilder aus den Untiefen menschlicher Eitelkeiten klickt. Disparates wird wie selbstverständlich zusammengesehen, aber so gut wie nie zusammengedacht. Es bedarf wohl des Kontexts Kunst, der bewussten Inszenierung des homogenisierten Heterogenen, um die Bruchstellen, Absurditäten und Manipulationen bewusst zu machen.
Text: Roman Grabner

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